© 2010 Beobachtologin Panikmache?

Panikmache um das „Heilpflanzenverbot“ – Können 121.000 Petitions-Unterzeichner irren?

Bereits im September schrieb ein Blog: „Heilpflanzen werden in der EU verboten“. Ich war zunächst sehr erstaunt über ein angebliches Verbot und versuchte, im Netz mehr darüber zu finden. Leider ohne wirklichen Erfolg. Mein Anruf beim Pressedienst des Europäischen Parlaments brachte mich immerhin zum Presseattaché, welcher jedoch meinte, ich solle mein Anliegen schriftlich einreichen. Wen es interessiert, findet unten die Antwort, ich persönlich konnte damit nicht viel anfangen.

In den letzten Tagen mehrten sich nun Mails in meinem Postfach mit einem mutmaßlichen Verbot für Heilpflanzen ab dem 1. April 2011 (verdächtiges Datum!). Es wurde auf eine Petition aufmerksam gemacht, die man unbedingt mitzeichnen sollte.

Wenn dazu sogar eine Petition gestartet und vom Petitionsausschuss genehmigt wird, dann muss doch etwas Wahres an der Sache dran sein, dachte ich mir. Also zeichnete ich die Petiton mit. Meine Fragen, was genau wie verboten werden sollte, konnte mir allerdings niemand so recht beantworten. Die meisten, die ich ansprach, hatten eine Mail von einem vertrauenswürdigen Bekannten erhalten, sich aber nicht die Mühe gemacht weiter zu hinterfragen.

Meine Neugier, mehr darüber zu erfahren, wuchs von Tag zu Tag, genauso wie die Mitzeichnerzahl der Petition. Ich recherchierte weiter. Die Texte, die man dazu im Netz findet, entsprechen nicht gerade meiner Lieblingslektüre, sie sind so formuliert, dass man beim fünften Satz nicht mehr weiß, was im ersten stand: irgendwie dehnbar, auslegbar und für mich kein befriedigendes Resultat erbringend. Dann erreichte mich eine Mail mit dem Betreff: „Panikmache zur Mailaktion bzgl. Petition“ (Bei Interesse ebenfalls unten lesbar).

Zwei Tage vor Ablauf der Petition rief ich dann beim Petitionsausschuss in Berlin an, um zu erfahren, was es mit diesem „drohenden Verbot“ auf sich hat. Man teilte mir mit, dass sie inhaltlich nicht wirklich etwas dazu sagen können, sie übernehmen auch keine Garantie für die Richtigkeit. Sie fanden das Thema aber irgendwie spannend, deshalb wurde es veröffentlicht! Sie seien ja selber Laien im Ausschussdienst. Wie bitte, habe ich richtig gehört? Weitere Informationen könne ich evtl. beim Ministerium erhalten, hieß es. Als ich erwiderte, dass mich diese Aussage sehr irritiert, denn die meisten der Mitzeichner unterschrieben ja nur deshalb, weil sie davon ausgingen, dass der deutsche Bundestag nicht irgendetwas, das sein kann oder nicht, online stellt. Als ich spekulierte, dass hier der wahre Sinn einer Petition, als einzelner Bürger aktiv werden zu können, möglicherweise ad absurdum geführt werde, wurde es still am anderen Ende der Leitung. Resüme des Telefonats: Ich war so schlau wie zuvor. Nein, nicht ganz. Immerhin wusste ich nun, dass die vom Ausschuss auch nichts wussten.

Konsequenterweise zog ich meine Mitzeichnung zurück. Wie kann ich für etwas stimmen, von dem ich inhaltlich überhaupt keine Ahnung habe? Meine Anstrengungen, noch mehr zu erfahren, führten mich zum Ministerium für Ländlichen Raum, Ernährung und Verbraucherschutz. Die Beamten dort waren ebenfalls ahnungslos und sich auch nicht wirklich sicher, welche Behörde darüber Auskunft geben könnte. Immerhin wurde meine schriftliche Anfrage dann so beantwortet: „Eben habe ich erfahren, dass für diesen Bereich in B-W das Sozialministerium zuständig ist.“

Was geschieht hier eigentlich?

Was bewegt Menschen dazu, panikschürende Informationen ungeprüft weiterzuleiten und massenhaft eine Petition zu unterzeichnen? Können über 121.000 Mitzeichner irren?

Viele, die mit „Heilkräutern“ und Anverwandtem ihr Geld verdienen, nutzen die Angst, ihren Umsatz damit anzukurbeln. Ja, man solle sogar sein Lager auffüllen, stand in einem Werbeflyer zum vermeintlichen Verbot, den ich bei einer Bekannten entdeckte. Willkommener könnte also eine Verbotsankündigung kaum sein! Geht es auch hier wieder nur ums Geld? Kräftig absahnen – und das auch noch mithilfe Ahnungsloser?

Die Leute gehen zunehmend mehr auf die Straße um zu zeigen, dass sie wütend sind. Wütend auf unsere Regierung, wütend, als unmündig abgestempelt zu werden, wütend auf die EU. Wut, die schnell zu Angst wird. Doch Angst macht auch blind.

Vielleicht reicht uns ja das „gute Gefühl“, eine Petition mitgezeichnet zu haben. Und weiter geht der Alltag. Es sind noch so viele Dinge zu erledigen und man hat ja gar keine Zeit, sich weiter Gedanken zu machen. Nach dem Unterzeichnen kann einem wenigstens niemand mehr vorwerfen, man hätte nichts unternommen. Das perfekte Alibi. Sind das die Gedankengänge der meisten Mitzeichner?

Die „Ente“ ist meines Erachtens als solche entlarvt – eine Ente, die auch unverblümt durch viele Blogs „watschelte“! Ein Armutszeugnis für die Szene, dass ausgerechnet der SPIEGEL die Hintergründe recherchierte.

Quellen:

Mail vom Europäischen Parlament

… unter Bezugnahme auf Ihre Anfrage vermuten wir, dass Sie auf die geplante Regelung zur Sicherheit und Überwachung von Medikamenten bzw. Pharmakovigilanz von Humanarzneimitteln ansprechen. Eine Pressemeldung des Europäischen Parlaments dazu finden Sie unter folgendem Link:

http://www.europarl.europa.eu/de/pressroom/content/20100921IPR83194/

Weitere umfangreiche Informationen  zu Arzneimitteln und alternative Arzneimittel fnden Sie auf der Internetseite der Europäischen Kommission unter folgenden Links:

http://ec.europa.eu/health/human-use/index_en.htm

http://ec.europa.eu/health/human-use/herbal-medicines/index_en.htm

Wir hoffen, Ihnen damit weitergeholfen zu haben.


E-Mail vom Fachverband Deutscher Heilpraktiker e.V.

Panikmache zur Mailaktion bzgl. Petition
>
> PANIKMACHE GILT NICHT
>
> In Zeiten des Internets als schnelles Medium, welches zu dem keine
> Kopier- und Portokosten verursacht, hat es sich leider eingebürgert,
> alles mögliche an hunderte oder tausende von Menschen weiter zu leiten,
> oftmals ohne es zu prüfen.
>
> Dies konnten wir als Berufsverband in den letzten Monaten immer wieder
> beobachten und auch leidvoll miterleben: Ob beim Thema
> Lebensmittelgesetzbuch, Traditionelle Heilpflanzen oder eine neu
> umlaufende Petition an den Deutschen Bundestag zur Abwendung eines
> möglichen Verbots von Heilpflanzen. Alles wird reflexartig
> weiterverbreitet und damit zu einem Selbstläufer, der nur aufgrund
> seiner hohen Verbreitung plötzlich an Bedeutung gewinnt.
>
> Zu dieser Petition und einem Verbot von Heilpflanzen möchten wir
> nochmals klar stellen: Die EU- Richtlinie zu traditionellen
> Arzneimitteln ist viele Jahre alt (2004) und sie ist in Deutschland
> bereits seit Jahren im Arzneimittelgesetz umgesetzt. Ihre europaweite
> Ratifizierung 2011 wird also bei uns nichts ändern. Damit ist eine
> Petition an den Bundestag, er möge hier zugunsten der traditionellen
> Heilpflanzen tätig werden, haltlos.
>
> Auch die Möglichkeit der Registrierung von traditionellen europäischen
> Heilpflanzen, die Zulassung der pflanzlichen Arzneimittel und die
> individuelle Einzelverschreibung der Heilpflanzen sind im
> Arzneimittelgesetz geregelt. Es werden aktuell keine Heilpflanzen in
> Deutschland verboten und jeder Heilpraktiker kann die Pflanzen, die es
> nicht als Fertigarzneimittel gibt, in einer Rezeptur weiterhin
> verordnen.
>
> Der Bundesvorstand des Fachverband Deutscher Heilpraktiker e.V. bittet
> deshalb, solche Panikmails nicht einfach ungeprüft weiter zu
> multiplizieren, sondern bei den verantwortlichen und sachkompetenten
> Mitgliedern des Bundesvorstandes oder Ihres Landesverbandes erst einmal
> nach zu fragen. Diese können nachprüfen, ob es einen entsprechenden
> Handlungsbedarf gibt und Sie umgehend darüber informieren.
>
> Im Bundesvorstand stehen neben dem Präsidenten des Fachverbandes,
> Christian Wilms auch die anderen Vorstandsmitglieder zur Verfügung.
> Ursula Hilpert-Mühlig zu Fragen des Gesundheits- und Berufsrechts, Arne
> Krüger zur Thematik Arzneimittel- und Medizinprodukterecht und
> Franz-Dieter Schmidt zu Wettbewerbs- und Abrechnungsfragen.
>
> Der Bundesvorstand des
> Fachverband Deutscher Heilpraktiker e.V.

Panikmache?

Kopp Verlag


5 Kommentare

  1. Neon
    Veröffentlicht am 16. November 2010 um 15:46 | #

    Jetzt kommen wieder bezahlten Klopper, die – wie noben zu sehen – alles in den Dreck ziehen.

    Ich sage nur:
    Die meisten Medienvertreter, Chefredakteure wie auch ihre weisungsgebundenen Mitarbeiter, krallen sich an ihren wackeligen Stühlen fest, um bloß im Spiel zu bleiben. Sie verbiegen sich und schreiben und berichten notfalls auch die Unwahrheit, um nicht gefeuert zu werden.

  2. kybernetik
    Veröffentlicht am 16. November 2010 um 17:46 | #

    http://www.mmnews.de/index.php/etc/6789-eu-naturmedizinverbot-sieg-der-pharma-lobby

    „Das politische Instrument dafür ist der sog. Codex Alimentarius“

  3. Veröffentlicht am 16. November 2010 um 19:19 | #

    Vielen Dank, diese Zeilen haben mich nachdenklich gemacht!Ich bin einer jener Typen, die es als notwendig erachteten, noch rasch diesen Aufruf zu unterstützen. Wobei es mir genügte, dass es vom „Zentrum der Gesundheit“ kam. http://www.zentrum-der-gesundheit.de/

  4. Franz P.
    Veröffentlicht am 17. November 2010 um 22:28 | #

    „Der Deutsche Bundestag möge beschließen …dass das Verkaufsverbot von Heilpflanzen in der EU ab dem 1 April 2011 in Deutschland nicht greift.“
    Der Einleitungstext der Petition mit dem Wort „Verkaufsverbot“ ist wohl irreführend, aber das Naturprodukte zu medizinischen Produkten umdeklariert werden, kann doch nur den offensichtlichen Grund haben, diese durch ein vorgeschriebenes Zulassungsverfahren künstlich zu verteuern, wodurch dann kleinere Anbieter sehr schnell vor dem Aus stehen. Die Formulierung hätte anders gewählt werden sollen, das ist richtig, faktisch kann dies aber so ausgelegt werden. Oder es läuft auf eine Monopolisierung hinaus.

  5. Franz P.
    Veröffentlicht am 18. November 2010 um 17:45 | #

    Hiermit muß ich mich noch einmal melden. Der Artikel hätte vielleicht etwas ausführlicher sein können und die Links habe ich mir nicht angesehen. Ich bin also einer Ente aufgesessen. Und Freeman von allesschallundrauch war’s, der dies ins Netz gesetzt hat. Er gehört mit Alexander Benesch von infokrieg.tv zu den gefährlichsten Desinformanten im deutschsprachigen Netz. 95 Prozent Wahrheit und 5 Prozent Lüge, so läuft’s.
    http://aristo.excusado.net/comments.php?y=10&m=11&entry=entry101118-020737
    http://www.wochenblatt.de/nachrichten/traunstein/regionales/Neuer-EU-Wahnsinn-Heilpflanzenverbot-;art39,21299

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